Ich bin also demnächst “Jungstudierende”. Genauer gesagt, ab nächster Woche. Ich freue mich auf diese Zeit. Glaube ich. Nach dem heutigen Tag, dem “Auftakttreffen”, gefüllt mit Informationen und Ansprachen, bin ich auf jeden Fall ein wenig motivierter.
Am meisten fürchte ich mich davor, mich irgendwann mal alleine mit der Bahn zu verfahren. Heute kommt zum Glück meine Mama noch mit, damit ich mir die Strecke schonmal einprägen kann. Auf dem Weg von Unna bis Dorstfeld gibt die deutsche Bahn mir Einblicke in deutsche Niveaulosigkeit, aber das ist der durchschnittliche Deutsche von öffentlichen Verkehrsmitteln ja gewohnt. Anschließend wird umgestiegen. Schrecklich. Ich möchte nicht umsteigen. Jede Station, an der ich umsteigen muss, ist eine Station, an der ich mich verlaufen kann. In Dorstfeld gibt es zwar nicht viele Möglichkeiten, sich zu verlaufen, aber ich vertraue meiner Orientierungslosigkeit. In der S-Bahn, die dann bis zur Universität fährt, gibt es keine Sitzplätze mehr, es ist aber nicht so voll, dass der Otto-normal-Klaustrophobe ein Sauerstoffgerät benötigt. In der Bahn sitzen viele junge Menschen, die alle mit mir am Bahnhof Universität aussteigen, wobei gleichzeitig genau so viele wieder einsteigen. Dass es in meiner unmittelbaren Nähe niemanden gibt, der jünger als ich ist, ist Alltag für mich. Aber denen, die sonst älter als ich sind und mit mir zur Schule gehen, bin ich nicht unterlegen. Bis auf ein paar Monate mehr Lebenserfahrung haben mir viele von ihnen nichts voraus. Die Leute hier hingegen unterscheiden sich in zwei durchaus wichtigen Punkten von mir. Erstens hat keiner von ihnen seine Mama dabei. Zweitens hat jeder von ihnen ein Abitur. Ich fühle mich nicht gut. Ich habe es nicht verdient, hier zu sein. Ich sollte wieder zurück zur Schule gehen und mich aufs 15-sein konzentrieren. Naja, erstmal sehen, was noch kommt.
Die TU ist hübsch. Überall sind Bäume und Wiesen und ich stelle mir intelligente Menschen vor, die zwischen vielen Büchern und Zetteln an Bäumen gelehnt dasitzen, so wie im Fernsehen. Leider ist es Winter und das Semester hat noch nicht begonnen. Vor Hörsaal 2 stehen dann zum Glück Gleichaltrige mit ihren Eltern, ich bin beruhigt. Der Gang, der zum Hörsaal führt, könnte genau so gut auch in einen Puff führen. Zumindest ist das meine sofortige Assoziation, es ist nämlich eng, rot gestrichen und komisch verwinkelt. Ich rate an dieser Stelle von einem Studium der Raumgestaltung an der TU Dortmund ab. Hörsaal 2 hingegen ist nicht eng. Er ist, in meinen Relationen gesehen, riesig, mit tausend Tafeln, tausend Sitzplätzen und tausend Menschen drin. Davon ein paar ehemalige Schülerstudenten, die nur hier sind, um ihre Zertifikate abzuholen. Ich wünsche mir auch ein Zertifikat, allein des Wortes wegen. Zum Anfang halten alte Männer und Frauen Reden. Einer erwähnt immer wieder, dass wir alle hier die Zukunft sind, dass diese Veranstaltung zukunftsweisend ist und er mit Freude in die Zukunft blickt. Diese Äußerungen lassen mich fast philosophisch werden; Ich hatte immer Angst vor der Zukunft. Jetzt begreife ich, dass ich selbige, und damit gleichzeitig auch das Objekt meiner eigenen Angst bin. Verrückt.
Es folgen Erfahrungsberichte von ehemaligen Jungstudierenden, die mich zugleich verunsichern und motivieren. Denn dieser Spast in der ersten Reihe hat zwar kein Leben, aber ein fast abgeschlossenes Studium, vor seinem bestandenen Abitur. Mir wird mal wieder klar, dass ich hier höchstens Durchschnitt bin, und mein Gewissen schreit sofort danach, dass dies geändert werden muss. Andererseits möchte ich nicht werden wie der rothaarige Junge im blauen Batik-Shirt. Ein schwieriger Spagat zwischen Leben und Ehrgeiz.
Auf dem Rückweg stehe ich wieder am Bahnsteig, es bilden sich erste Studentengrüppchen, wobei man die abgehobenen Mathematikstudenten, die eigenartigerweise alle die gleichen, hässlichen Schuhe tragen, sofort von den Pädagogik-Hippies unterscheiden kann. Sie alle sind Erstsemester und fühlen sich damit sehr erwachsen und reif. Obwohl Erstsemester ja, wenn es stimmt, was man sich auf der Straße erzählt, die grünohrigen Opfer sind. Auf mich wirken sie alle wie die personifizierte Coolness. Bis auf das Mädchen, das unmittelbar neben mir steht und seine soeben gefundene Bekanntschaft konversationsvergewaltigt, unter anderem fallen die Worte: “Bis Mitte August dachte ich ja, ich studiere Jura. Aber jetzt möchte ich Grundschullehrerin werden.” Anschließend regt sie sich darüber auf, dass sie an der Uni mehr lernen muss, als das, was sie den 6-10jährigen später im Berufsleben beizubringen hat. Ihre Coolness ist ein bisschen weniger beeindruckend.
Auf dem Rückweg denke ich darüber nach, dass ich Angst vor Montag habe. Vorm Zugfahren, vorm Verlaufen, vorm den-Raum-nicht-finden, vorm unextrovertiert sein und mich nicht trauen, mit den echten Studenten zu reden. Aber das wird schon. Muss ja, muss ja.