„Träume nicht dein Leben – Lebe deine Träume!“
Ein toller Spruch. Klingt nach Weltverbesserei, nach Motivation, großen Zielen, Engagement, dem Duft der unendlichen Möglichkeiten, Entdeckungen, nach Glück. Wer die Moral dieses kleinen Satzes, der so gern ein Worspiel sein möchte, versteht und befolgt, dem scheint ewiger Erfolg und Frohsinn vergönnt.
Das alles klingt nach Heuchelei und zu wenig Realismus. Denn wer seine Träume lebt, der träumt letztendlich doch nur das ganze Leben lang vor sich hin. Man muss zwischen dem Leben in der großen, gemeinen Welt und dem Rosazuckerwattewolketraumhimmel, meiner Meinung nach, ganz klar differenzieren. Träume sind Gedankenspiele, Illusionen, die uns bei der Traumpraktizierung, das heißt beim träumen, ein Lächeln auf die Lippen zaubern können, weil sie oft selbst zauberhaft sind, weil es manchmal schön ist, der Realität ins Gesicht zu spucken, sie wegzuschubsen und laut „Fick dich!“ hinterherzuschreien. Das ist meine Definition vom träumen. Gedanken, die für eine kurze Zeit erheiternd und motivierend wirken, allerdings in der Realität nie verwirklicht werden können. Und selbst wenn man es irgendwie schafft, seine Träume im echten Leben umzusetzen, so kann man doch kein glücklicher Mensch mehr sein. Denn die gelebten Träume werden zu einem Leben, in dem dann die Träume fehlen. Wenn man die Gelegenheit dazu hat, nahezu jeden Traum zu verwirklichen, läuft es nur wieder auf dieses menschliche Laster hinaus: Man will mehr. Der Mensch will und will und wenn er gewinnt, was er will, dann will er noch mehr und noch größer. So werden Momente des Glücks immer kurzlebiger, denn sie währen nur so lange, bis der nächste sofort zu erfüllende Traum sich von hinten anschleicht und Tribut fordert. Man ist die ganze Zeit nur noch dabei, dem eigenen Bedürfnis nach Traumerfüllung nachzukommen, den eigenen Schweinehund zu füttern. Nur für die kurzen Momente, in denen man dann ein bisschen glücklicher ist.
Überhaupt sind „Träume“ von materiellen Dingen nicht wirklich das, was man unter einem Traum verstehen sollte. Man träumt doch eigentlich eher von Momenten, Ereignissen und Zuständen. Wenn aber zum Beispiel die kleine Pascallis einen Hund will, sollte man weniger behaupten, dass der „größte Traum“ von Pascallis ein Hund ist, viel mehr ist es ein lang gehegter Wunsch. Und wünschen ist nicht gleichgestellt mit träumen. Es ist realer, erfüllbarer. Würde der zu Anfang zitierte Spruch „Wünsche nicht dein Leben, lebe deine Wünsche!“ heißen, könnte ich ihn ob des hässlichen Klangs vielleicht(!) sogar tolerieren.
Aber alles was nicht Wunsch ist und trotzdem, wenn man akribisch darauf hinarbeitet oder einfach sehr viel Glück hat, gelebt werden kann, darf nicht als Traum verschrien werden. Dinge wie „Wenn ich groß bin, will ich Feuerwehrmann werden“ sind weder Wunsch, noch Traum, noch Wunschtraum. Denn die Ausübung des Berufs Feuerwehrmann ist ein realisierbarer Zustand, es ist etwas, was man sich vorgenommen hat. Und man kann sich viel vornehmen, in der Hoffnung, dass man es irgendwann verwirklichen kann. Aber das, was man auf die Liste mit „Dingen, die ich in meinem Leben erreichen will“ schreibt, darf nicht mit den Hirngespinsten genannt Träume verwechselt werden. Außer man ist nicht so helle und schreibt auf die imaginäre Liste „Popstar werden, zum Mars fliegen und 20 Kinder gebären“. Dann ist einfach was falsch gelaufen.
Ich erlaube mir an dieser Stelle einfach mal, ein wenig umzuformulieren:
„Träume nicht von dem, was du dir vorgenommen hast, sondern gebe dir Mühe dabei, es zu verwirklichen.“
Hört sich nicht so toll wortverspielt an wie die ursprüngliche Floskel, beinhaltet aber den richtigen Grundgedanken.
Also, liebe Forumaner in diversen Foren des WorldWideWebs, deren Beiträge ich ab und an mal überfliege, bitte entfernt doch endlich diesen Möchtegernmotivationsspruch aus euren Signaturen, ja ?
(<- selten war mir ein Zwinkersmilie wichtiger)
Ich werde mich jetzt ins Bett legen und von meinem OpenAirKonzert auf dem Mond träumen, ich werde Geige spielen, Elvis wird auf der Ehrengästeloge händchenhaltend neben Michael Jackson sitzen und am Ende Dusty Springfield küssen, die vorher zu meinem außerordentlichen Geigespiel „Wishin’ and hopin’“ gesungen hat.